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Das Alphabet des Körpers

Source: AFA-Magazine, 1995
Author: Bettina Fricke-Waldthausen

Das Alphabet des Körpers

ÜBER EINE ARBEIT MIT DEM ATEM-TON

Interview mit Florian Fricke von B.F.-von Waldthausen
Wieso nennst du diese Arbeit ‘Das Alphabet des Körpers’?

Wenn man sich mit den Bausteinen der Sprache beschäftigt, stellt man fest, daß sie primäre Anschwingpunkte im Körper haben, insbesondere die Konsonanten. Weiter, da es mitschwingende sekundäre Anschwingpunkte gibt. Mit der Zeit kann man dann - auf der Grundlage eines erlebten Wissens - mit Sprache gezielt eine heilende Hand werden. Bei den Vokalen ist das etwas ungenauer, weil man sie in verschiedenen Körperräumen gleichermaßen singen kann. Die Konsonanten hingegen kann man sehr gezielt einsetzen, um die Physis in Schwingung zu versetzen. Das ist besonders wichtig in der Gruppenarbeit, wo es ja darum geht, daß die ganze Gruppe sich in dem angesprochenen Körperbereich versammelt und nicht jeder für sich arbeitet, der eine sich mit einem Vokal im oberen Bereich aufhält, ein anderer in der Mitte oder in den Fußsohlen usw., denn erst durch eine gemeinsame Ausrichtung kommt die Kraft in der Gruppe zum Tragen. Dies setzt immer wieder eine Einheitlichkeit der Gruppenwahrnehmung einer gleichen Körperebenen voraus.
So ist ein Teil der Konsonanten zur Welt gerichtet aufgrund der natürlichen Zungenstellung, sie berühren die vordere Körperwand. Dann gibt es andere, die zum Rücken gerichtet sind und diesen Bereich in Schwingung versetzen. Entsprechend der Tonhöhe, auf der gesungen wird, kann man die verschiedenen Körperebenen zum schwingen bringen. Wenn wir zum Beispiel das ‘n’ singen, zeigt die Zungenspitze, die die Führungskraft hat, dabei am Gaumendach oberhalb der Schneidezähne zur Stirn, zu dem Bereich zwischen den Augenbrauen, und dort ist dann ein primäres Anschwingen. Wenn ich aber jetzt mit der Tonhöhe variiere nach unten, also ein tieferes ‘n’ singe, kann ich die nach vorne, zur Welt gerichteten Knochen anschwingen. Zunächst - wenn wir abwärts gehen - das Brustbein, dann das Schambein, dann die Kniescheibe und schließlich den Fuß brücken. Wenn ich umgekehrt die nach hinten gerichteten Körperwände in Schwingung versetzen will, dann geht das mit dem Gähn-Laut ‘ng’. Dabei hat die Zungenwurzel die Führungskraft, und der primäre Anschwingpunkt ist das Hinterhaupt. Wiederum - wenn ich mit der Tonhöhe nach unten gehe - kann ich die gesamte Wirbelsäule, insbesondere zunächst den siebten Halswirbel, später die ganze Wirbelsäule bis zum Steiß ansingen und weiter noch bis zur Ferse hinunter. Diese Konsonanten z.B. schwingen die Knochen an.
Will man aber das Weiche, das Fleisch zwischen den Knochen mit dem Ton berühren, wird man das ‘i’ nehmen. Also alles Weiche kann man mit dem ‘i ‘berühren, wiederum entsprechend der Tonhöhe. So kann man z.B. das Perineum mit einem tiefen ‘i ‘ ansingen ...

Wie hast du das herausgefunden?

Ich selbst habe experimentell zu diesem Körper-Alphabet gefunden. Ich habe mich in den - wie wir das nennen - ‘Atemsitz’ gesetzt, auf den Suhl, geerdet.
Die Vorstellung: innen, der Körper leer; dann Wahrnehmung: Wo schwingen die Bausteine der gesungenen und vom Atem getragenen Sprache im Körper, insbesondere an den Körperwänden, an? Ich habe die Konsonanten erforscht und ihre Resonanzfähigkeit an den Körperwänden. Dabei stellen wir zu unseren Überraschung fest, daß sich manche Bereiche - schwere anschwingen lassen als andere, in denen wir mehr zuhause sind.
Das ähnelt der Erfahrung aus der Atemarbeit mit der Hand. An gewissen Räumen wird man mehr zu arbeiten haben, bis man sie - wieder ins Leben gerufen - zum Mitschwingen gebracht hat. Das alleinige punktuelle Anschwingen einer Stelle - das allerdings genügt noch nicht. Der wesentliche, wenn man so will, wirkende Vorgang besteht darin diese Stelle in Beziehung zu setzen zu einem Gegenüber (die Arbeit mit Polaritäten und Entsprechungen) und einzufügen in einen Körpergesamtakkord.

Schwingung alleine ist es nicht, denn Schwingung heißt nur neues Ansprechen. Dann kommt der nächste Schritt, das einordnen. Ich könnte auch so sagen: Das Mandala errichten - oder den Dreiklang herstellen, den Körper neu stimmen.

Wenn wir in der Sprache der Schwingung reden: es ist höchst selten, daß wir in einem reinen Akkord schwingen; durch tägliche Einflüsse, Streß, Emotionen fallen wir immer wieder aus der Einheit dieses Akkords heraus. Und die Arbeit besteht dann darin, den Menschen wieder in das Erlebnis seines höchst-persönlich eigenen Akkord zurückzuführen, so wie man immer wieder sein Instrument stimmen muß .....

Wie gehst du dabei mit dem Atem um? Nimmst du willkürlich Einfluß auf ihn oder betrachtet du ihn gar nicht?

Die Arbeit mit dem Ton ist zugleich eine Arbeit mit dem Atem, wie kann es anders sein. Denn der Atem ist ja der Träger des Tons. Aber auch der gesungene Ton hat eine außerordentliche günstige Rückwirkung auf die Atemkraft. Das ist wie eine glückliche Hochzeit.
Um den Atem aber geht es ja im eigentlichen. Die Tonarbeit ist eine Hinführung zur Atemarbeit. Für manche Menschen ist der Zugang zum Atem über den Ton oft leichter. Zunächst stärke ich die Atemkraft durch etwas, was ich “Das große Loslassen’ oder ‘Das große Seufzen’ nenne, wobei die am Kopf anschwingenden Konsonanten nach unten in das tiefe Becken gesungen werden, so als würde man den Ton trinken. Das sind sehr lange Ausatemvorgänge, und dadurch wird der Einatem deutlicher und auch länger. Es entsteht auf diese Weise ein großer vitaler Atem, mit dem wir auch die verborgenen Stellen im Körper erreichen können, die sich bisher dem Atem entzogen haben. Dieser Begriff der Arbeit, den Vitalatem in Gang zu setzen, dauert etwa 10-15 Minuten. Erst wenne die Atemkraft wirklich gestärkt und frei geworden ist, kann der Atem nicht nur zum Träger des Tons, sondern auch zum Träger de Lebenskraft werden.

Dann beginnt eine ganz andere Art der Atmung. Der Rachenraum übernimmt die ansugende Kraft und führt den Einatem vom Perineum durch das ‘Bambusrohr’ in der Nähe der Wirbelsäule zum Scheitel hinauf - die berühmte Pause; der Ausatem über die Stirn hinunter zur Beckenbodentiefe, wobei die Nabelkraft ans Rückgrad angeschlossen sein sollte - Pause; dann wieder der Einatem vom Perineum usw. Das ist der “kleine himmlische Kreislauf”.

Später, wenn wir über den Organbereich in den Brustraum kommen, wird der Atem mehr zu dem, was wir “den kleinen, den webenden Atem” nennen, der berühren und wirken kann. Und wenn der Mensch so wieder im Anschluß an sein Innerstes ist, spielt die Aufmerksamkeit auf den Atem kaum mehr eine Rolle. Der Atem wird dann fast selbst zur berührenden Schwingung.

Erst dann kann der vom Atem getragene Ton heilkräftig werden. Das ähnelt der Hand in der Atemeinzelarbeit. Die an den inneren Atem angeschlossene Hand hat eine Art magnetische Kraft. Wie die Schwingung der Handinnenfläche soll der Ton schwingen, er ist dann absolut vom Atem getragen, ohne jede Willensanspannung, aber mit großer Zielgerichtetheit.

Der Atem ist Träger der Lebenskraft. Und es geht bei dieser Arbeit um die Qualität der Elbenskraft in uns, die angesprochen und neu geordnet wird.

Was genau verstehst du unter ‘Lebenskraft’?

Libido, wenn du es so verstehen magst, oder Chi. Das sind alles Beschreibungen der einen Lebenskraft in ihrer verschiedenen Darstellung. Die Chinesen beschreiben den Sitz der Lebenskraft etwas oberhalb des Perineums. Über den “kleinen himmlischen Kreislauf” aufsteigend auf die Atembahn gebracht, entsteht der Kreislauf dieser Kraft durch den Körper. Dabei ist der Atem Träger dieses Vorgangs. Aber das sollte auch nicht zum Dogma eines bestimmten Atemweges werden. Wenn man den inneren Atem kennengelernt hat, wird man ihn oft aufganz intuitive Wiese im Körper bewegen und führen lernen, und da gibt es viele Wege, die interessant sind. Nur dies ist einfach ein seit Jahrtausenden bewährter Weg.

Sei es Atem-Hinwendung, singen eines Tons, all das ist erst dann wirkungsvoll, wenn wir es mit unserer Vorstellungskraft verbinden. Dort, wo der Ton anschwingt oder anschwingen soll, müssen wir uns mit der Vorstellungskraft versammeln. In dieser Arbeit ist der Atem mit dem Ton und dem Erlernen und Vertiefen unserer Fähigkeit, die Vorstellungskraft einzusetzen, verbunden. Wenn die Vorstellungskraft gewachsen ist, kann man beginnen, den Körper als ein Mandala zu sehen und es mit dem Gesang von Konsonanten und Vokalen zu errichten. Imaginierte Strukturen wie Kries, Dreieck, Quadrat, Diagonalen usw. - vom Gesang nachgezeichnet - , haben eine starke Wirkung auf das Schwingungsgeschehen im Körper. Wenn wir mit diesen Strukturen arbeiten, sie visualisieren, imaginieren, entschlüsseln sich diese Urstrukturen des Lebendigen in der eigenen Lebenskraft.

Wenn du auf diese Weise arbeitest, führst du dann den Atem nicht sehr stark?

Es gibt nichts, was man tun will oder machen kann, das wäre einen Vergewaltigung des Atems, sondern es ist das Tun im Michttun, wie jemand, der lauscht. Es ist eine hochwachsame Selbstvergessenheit, die Vereinigung einer Antithese. Nichts tun und doch tun. Ein sehr ganzheitlicher und intuitiver Prozeß. Kein Wollen

Du bist als junger Mensch Cornelis Veening begegnet. Veening hat ja mit jedem Menschen sehr individuell gearbeitet. Mit dem einen konnte er über den tiefenpsychologischen Aspekt des Atems sprechen und mit jemand anderem über den klassischen Weg des Atem-Yoga oder - wie mit Erika Weynert - über den Tanz. Wie war das bei dir? Habt ihr über die Atem-Ton-Arbeit gesprochen?

Soweit ich mich erinnere, hat Veening gegen Ende seines Lebens jedem irgendetwas mitgegeben als Hinweis, wie er weiter arbeiten könnte. In meinem Fall sprachen wir über den heilenden Ton. Er stand vor mir und sagte: “Rechten Fuß vorsetzen, mit den Armen die Welt umarmen, den heilenden Ton an der Stirn anschwingen”. Es erklang ein ganz leises “n” an seiner Stirn. Darin enthalten war die Tiefe der Durchdringung eines ganzen erfahrenen Lebens. Ich war wie vom Donner gerührt ...
Später, nach seinem Tod, begann ich, mich auf die Suche nach diesem Ton zu machen, ihn in mir und durch mich zu erfahren und ihn dann in die Gruppenarbeit einzubringen.
Man kann ihn natürlich nicht machen. Erst wenn der Körper, die Empfindung und das Bewußtsein harmonisiert sind, d.h. im reinen Dreiklang schwingen, kann - in einigen Momenten - diese Qualität des Tons entstehen, oft erst in den Letzten Minuten einer Arbeit.

Hast du in deiner Arbeit positive Erfahrungen mit speziellen Krankheitsbildern gemacht?

Ja, zum Beispiel bei Hörsturz, aber auch bei MS-Patienten. In einem nicht zu fortgeschrittenen Stadium ist der Atem des “kleinen Kreislaufs” über die Wirbelsäule sehr unterstützend. Ich denke, daß diese Arbeit allgemein sich günstig auf die Stimulation des Stoffwechsels auswirkt, weit durch die Resonanzfähigkeit des Tons ja auch die inneren Organe berührt werden.

Was ich mit noch wünsche ist, daß diese Arbeit so weit entwickelt wird, daß sie auch Tinnitus verändern kann. Ansätze dazu gibt es. Aber grundsätzlich wendet sich die Arbeit an die Selbstheilungskräfte im Menschen, die sich meiden, wenn die Seele wieder anwesend in uns wirken kann.

Du sprichst von Physis und Seele. Wo aber ist das Ich in dieser Arbeit, wie kannst du es beschrieben?

Das Ich ist der Wahrnehmende, und sein Wissen davon. Wenn man zu dem Harmoniepunkt kommt, wo das Ich nichts will und trotzdem klar anwesend ist, dann kann sich dieses Ich - wie Veening sagte - , dieses kleine und persönliche Ich spiegeln im groß en Ich, das man auch das Selbst nennt.

Wie unterscheidest du Wahrnehmung und Empfindung?

Das ist abhängig davon, wo die Lebenskraft im Körper anwesend ist. Wenn sie bestimmend in dem Bauch-Organraum anwesend ist, dann wird die Wahrnehmung eine empfindende Wahrnehmung sein. Wenn die Lebenskraft sich in den oberen Räumen, im Herzraum versammelt, dann wird diese Lebenskraft ein inneres Wissen sein, und wenn sie hinter der Stirn versammelt ist, dann ist es ein Wahrnehmen, das weniger mit Empfindung als mit Erkenntnis zu tun hat. Dort, wo die Lebenskraft anwesend ist, auf dieser Ebene wirkt die Wahrnehmung.

Gibst du auch bewußt Dissonanzen in den Gruppenklang?

Dissonanzen sind zur gegebenen Zeit genauso wichtig wie der Einklang oder der harmonische Vielklang. Dissonanz hat die Kraft, etwas auszusondern.
Das heißt, wenn ich feststelle, daß der Gruppengesang nicht wirklich aus einem lebendigen Gestalten kommt, wenn also eine gewisse schöpferische Trägheit vorhanden ist, dann bringe ich die Dissonanz, die dazu aufruft, wieder neu zu erfahren, das Alte zu verlassen, um einen neuen Weg zu suchen.
Man kann sich nämlich mit einem flachen Wohlbefinden, einem flachen Einklang, auch aus dem Leben heraus mogeln. Der echte Einklang, also die Summe der gleichen Töne aus der gleichen Tonhöhe, bewirkt eine Verstärkung; die Dissonanz sondert aus, und die Quint zum Grundton baut Neues ein und verwandelt.

Eine letzte Frage: Warum ist das, was du den heilenden oder bewirkenden Ton nennst, ein leiser Ton?

Der lautgesungene Ton hat eine direkte Wirkung auf die Physis, der mittellaute Ton auf den psychischen Bereich, während de leise Ton den geistigen Bereich anspricht.

[Florian Fricke ist Komponist und Leiter der Musikgruppe Popol Vuh; seit fünfzehn Jahren Gruppenarbeit mit dem Atem-Ton; Schüler von Cornelis Veening.]

*

Published in a magazine of AFA (Arbeits- und Forschungsgemeinschaft für Atempflege)

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An Interview with Florian Fricke

Bron: Marquee, nr.067, august, p.38-40, 1996
Auteur: G. Augustin

 

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Renaissance für den Krautrock?

Bron: WOM, p.58-62, 1996-11
Auteur: M. Fuchs-Gamböck

Renaissance für den Krautrock?

Ein Wunderliches und lange Zeit weitgehend verdrängtes Kapitel der Rockgeschichte gerät unvermittelt wieder ins Blickfeld – vor allem im Ausland und nicht nur als Sample-Jagdgrund für Techno- und Trance-Musiker ist  das Phänomen ‚Kraut-Rock’ wieder im Gespräch

In Chris Karrers gemütlicher Zwei-Zimmer-Wohnung im Münchner Stadtteil Schwabing scheint die Zeit stehengeblieben zu sein: Es ist elf Uhr vormittags und doch hat das Tageslicht zu dieser Oase des indischen Tands, der plüschigen Sofas und der rauchverhangenen Luft keine Zutrittsberechtigung. So stellt der Jungspund von heute sich den Prototyp der Hippie-Höhle in den späten 60ern vor; und genau diese verwegene Ära ist auch das Zeitalter, über das Karrer am liebsten spricht.

Denn der schmale Graubart mit den Jesuslatschen, den orientalischen Leinen-Klamotten und dem kecken Filou-Bärtchen ist eines der letzten, überzeugenden Hippie-Exemplare in diesem Land – und darüber hinaus ein Original der vielbeschworenen ‘wilden’ Zeiten um das sagenumwobene Jahr 1968, das mittendrin im Geschehen steckte. Viel wichtiger aber noch: das trotz allem überlebt hat.

Gleichzeitig ist der 48jährige Wahl-Münchner mit Heimatstadt Kempten eine lebende Deutsch-Rock Legende: Gründungsmitglied derjenigen Band, die bis heute als Inbegriff für das kuriose Phänomen ‘Kraut-Rock’ gilt: der Gruppe Amon Düül. Diese so wüste wie genialische Formation gründete sich einst als “Münchner Kommune mit elf Erwachsenen und zwei Kindern, die alles gemeinsam machen will, unter anderem Musik”, und war vor über 25 Jahren die erste deutsche Band, die die Kraut-Rock-Welle auch über die heimischen Grenzen hinaus zum Begriff machte. Damals schmückten die Schwabinger sogar die Titelseiten von englischen Musikgazetten wie dem Melody Maker. Vor den Düüls hatte auf der Insel niemand ernsthaft Notiz vom Geschehen in der popmusikalischen Wüste Germany genommen, teutonische Rock‘n’Roller übten sich bis dato darin, brav und ungelenk den anglo-amerikanischen Idolen nachzueifern.

“Amon Düül allerdings” urteilte der Melody Maker 1970, “ist die erste deutsche Gruppe, die als eigenständiger Beitrag zur internationalen Pop-Kultur angesehen werden kann.” Ins selbe euphorische Horn stieß auch der britische Star-DJ John Peel, der zum großen Propagandisten des Kraut-Rock in seiner Heimat wurde und die ‚Teutonic Sounds’ in seiner BBC-Radio-sendung rauf- und runternudelte. Kein Wunder: Peel war stets auf der Suche nach neuen, aufregenden Klängen, und Amon Düül lieferten sie ihm. Orgiastisch-psychedelische Klänge trafen in den Frühwerken der Gruppe wie ‚Phallus Dei’ und ‚Yeti’ auf fanatischen Surrealismus, Wagnerscher Bombast stand da lyrisch-zarten Folkloreklängen gegenüber. Und alles stand ganz im Zeichen der Improvisation, die aus etlichen Düül-Stücken Epen von über 20 Minuten Länge machte. „Die Improvisation“, erinnert sich Karrer mit verschmitztem Grinsen, „war das ein und alles. Wir hatten keine Zeit, um viel zu proben, wir handelten nach dem Grundsatz: wer üben muß, der hat’s wohl nötig. Das Leben damals war viel zu aufregend, um sich ins stille Kämmerlein zu verziehen und ausschließlich auf die Musik zu konzentrieren.«

Parallel zu Amon Düül entwickelten sich auch in anderen Städten der Republik innovative Bands, die der Besatzer-Dominanz in der hiesigen Rock-'n'-Roll-Szene entkommen wollten, indem sie mit neugewonnenem Selbstbewußtsein nach eigenen Tönen suchten. Nicht nur deren Musik klang häufig merkwürdig, sondern auch ihre Bandnamen: Faust, Can, Popol Vuh, Kraftwerk, Ash Ra Temple, Tangerine Dream, Guru Guru oder Cluster, um nur die bekanntesten zu nennen. Bis weit in die 70er Jahre hinein waren die Kraut-Rocker das popmusikalische Aushängeschild einer Nation. die endlich zu ihrer gegenwartskulturellen Identität finden wollte.

Das Ende der Hippe-Seligkeit

Doch zum Ende jenes denkwürdigen, aufregenden Jahrzehnts machte Punk aus England auch vor deutschen Hörgewohnheiten nicht halt und verdrängte die Kultur-Rebellen von einst aus dem Blickfeld, um sie für lange Zeit aus dem Gedächtnis der Konsumenten zu streichen. Wer in den 80er Jahren noch über Kraut-Rock sprach. der galt als kauziger Nostalgiker, der offensichtlich versuchte, die Zeit festzuhalten. Von Glück reden konnte, wer, wie die Düsseldorfer Elektronik-tüftler Kraftwerk, inzwischen von den Medien einer anderen musikalischen Strömung zugerechnet wurde.

„Wir waren“, erinnert sich Düül-Mann Chris Karrer, „zu Beginn unserer Karriere der absolute Underground. Doch in den späten 70er Jahren gab es den nicht mehr, unsere revolutionären Ideolo-gien und Visionen von früher brachten im Alltag immer weiter weg, das reaktionäre Spießertum war erneut im Vormarsch. Erschwerend hinzu kam, daß die Düüls nie eine Single-Band oder in den Charts waren, sondern stets ein subkulturelles Ereignis, Phänomen und Ausdruck seiner Zeit, eine Art personifiziertes Gesamtkunstwerk. Wahrscheinlich hatten wir unsere Szene-Bedeutung stets völlig unterschätzt. Deshalb konnten wir später niemals davon profitieren.“

Ähnliche Erinnerungen hat auch Florian Fricke an seine musikalische Vergangenheit. Fricke ist heute 51, klassisch ausgebildeter Komponist bzw. Pianist und seit exakt 25 Jahren der Kopf des ebenfalls in München ansässigen Projekts Popol Vuh, das sich zumindest in der deutschen Öffentlichkeit besonders durch die Soundtracks zu Werner-Herzog-Filmen wie ‚Aguirre, der Zorn Gottes‘, ‚Nosferatu‘ oder ‚Fittzcarraldo‘ einen Namen gemacht hat. In England, Frankreich, Italien oder Amerika steckt man die Combo gerne in die New-Age-Ecke — in die sie nach Frickes Ansicht aber gar nicht hingehört. Für ihre nicht unbeträchtliche Anhängerschar in aller Welt paßte Popol Vuh sowieso in keinerlei Stil-Schublade. Fricke war neben dem Klassik-Rock-Veteranen Eberhard Schöner der erste deutsche Musiker, der bereits anno '69 über einen Moog-Synthesizer verfügte, auf dem er die ersten beiden Popol-Vuh-Alben ‚Affenstunde‘ und »In den Gärten Pharaos« einspielte — noch heute gelten sie als Sternstunden im Bereich experimenteller Elektronik-Musik. „Ehe die Düüls oder mein Projekt anfingen, die Musik-Szene in Deutschland zu prägen, gab es nur seichten Schlager auf der einen oder ein Sammelsurium schräger Töne auf der anderen Seite. Also: Kitsch oder die völlige Negierung von Tonalität. Wenn man ein seriöser Musiker sein wollte, galt die Faustregel: bloß keine Melodien. Dadurch gab es natürlich ein riesiges Vakuum in der Musiklandschaft. Und genau das verseichten wir zu fällen“, erinnert sich Fricke.

„Außerdem litten all die einheimischen Musiker vor 1968 unter einem kulturellen Minderwertigkeitskomplex. Aber die gewaltigen Erfolge der Beatles und der Rolling Stones mit ihrer rebellischen Attitüde hatten zur Folge, daß in ganz Deutschland eine irre Aufbruchsstimmung entstand. Wir jungen Wilden fühlten uns plötzlich als kosmopolitische Weltbürger. Und bei aller verschiedener musikalischer Prägung von Can, Amon Düül oder Popo! Vuh hatten wir doch eine Sache gemeinsam: die Andersartigkeit, gepaart mit diesem visionären world-feeling. Der Rest Europas war unsicher wegen dieser Bewegung, und um uns wie gewohnt abzuwerten, verpaßte man uns das Etikett ,Kraut-Rock‘. Wir Musiker fanden das zu Anfang blöde. Doch die Industrie stürzte sich drauf als sie merkte, daß damit Geld zu machen war. Und irgendwann traten auch wir die Flucht nach vorne an, nannten uns Kraut-Rocker und füllten diesen Begriff mit jeder Menge Leben. Doch die große Ernüchterung kam schnell. Denn während sich alle Künstler zu Beginn noch kannten und unterstützten, ließ dieses ungeheure Kollektivgefühl schon Mitte der 70er Jahre nach. Jeder von uns mußte schauen, wo er blieb. Das Hippietum war endgültig passé.“

Knapp 20 Jahre lang dümpelten die meisten Kraut-Rock-Veteranen vor sich hin: Chris Karrer schloß sich der Münchner Weltmusik-Formation Embryo an und vagabundierte ein Jahrzehnt lang durch die Welt. Florian Fricke stellte einen Großteil seines Schaffens in die Dienste des Filmemachers Werner Herzog, für den er Sound-tracks fabrizierte. Faust, Gila und viele andere Bands lösten sich gar mangels Nachfrage auf. Can und Kraftwerk zehrten vom Ruhm der vergangenen Tage. Guru Guru, Tangerine Dream oder Cluster hielten sich äußerst mühsam und mit stetig sinkenden Verkaufszahlen ihrer Tonträger über Wasser. Kraut-Rock, so schien es, war endgültig zum historisch-nostalgischen Relikt der Pop-Geschichte verkommen.

Neues Interesse in England und Amerika

Mitte der 90er Jahre sieht die Musik-Welt anders. Popol Vuh und Amon Düül haben mit ‚City Raga‘ bzw. ‚Nada Moonshine‘ neue Tonträger auf den Markt gebracht, Guru Guru und Grobschnitt arbeiten an neuen Werken, Faust haben sich reuniert und in der Londoner Queen Elizabeth Hall ein beachtliches Comeback in Form eines ausverkauften Konzerts hingelegt. Cluster tourten in diesem Sommer mit großer Publikums- und Medienresonanz durch Japan und die USA.

Schon ist wieder von Hype die Rede: „Kraut-Rock is back“, jubelte die zeitgeistige englische Fachpresse bereits.

Überhaupt, England - hier flammte das wiedererwachende und von keinem mehr ernsthaft erwartete Interesse am Kraut-Rock zuerst auf. Schallplatten der geschichtsträchtigen Label, »Ohr«, »Pilz« und »Brain« gelten im Königreich als gesuchte Sammlerstücke und werden mit Preisen bis zu 90 Pfund (etwa 200 Mark) gehandelt. Für die junge Generation von DJs und Sound-Tüftlern, die sich den Dance-Trends Jungte. Ambient oder Techno verschrieben haben. sind Can, Kraftwerk, Tangerine Dream oder Popol Vuh nichts weniger als die Pioniere ihrer Zunft und schier unerschöpfliche Sample-Quellen. Und der Ex-New-Wave-Heroe Julian Cope hat vor kurzem sein vielbeachtetes Werk ‚The History of Krautrock‘ veröffentlicht, in dem die ‚teutonic sounds‘ in den Himmel gelobt werden. Auch sein 1995er Album ‚20 Mothers‘ ist unüberhörbar an Copes große Idole Can oder Amon Düül angelehnt. „Kraut-Rock“ schwärmt Cope, „ist der Pop-Sound der Zukunft. Das war, ist und wird immer die spirituellste, experimentellste und aufregendste Musik dieses Planeten sein“.

Und Florian Fricke konstatiert leicht verwundert: „Der Trend zu dem alten Kram ist schon seit ein paar Jahren wieder da. Das liegt an der Techno-Bewegung: die echten Freaks dieser Klänge wollen nicht nur ihren Sound hören, sondern sie sind auch sehr geschichtsbewußt. Sie wollen zu den Wurzeln dieser Musik stoßen – und stoßen bei ihrer Suche zwangsläufig auf uns.“

Alte recken auf dem Weg zu neuen Ufern

Tatsächlich versuchen auch einige der Pioniere von einst, sich neues musikalisches Terrain zu erschließen. Popol Vuh etwa auf ‚City Raga‘, das eindeutig von Techno- und House-Beats geprägt ist. „Irgendwie“, grübelt Florian Fricke, „bin ich beeindruckt von Techno. Das liegt sicherlich daran, daß es diesem Sound massenwirksam gelungen ist, die Archaik zurück in die Musik zu bringen. Genau das war ja immer schon mein Grundthema, seit ich anfing, mich mit U-Musik zu beschäftigen. Aber endgültig überzeugt von Techno hat mich mein 19jähriger Sohn, der seit langem nichts anderes als HipHop und Techno hört. Immer wieder hat er mir dieses Zeug vorgespielt, voller Enthusiasmus. Und da habe ich mir dann eines Tages gedacht: Warum zum Teufel nicht mal eine Dance-Platte produzieren? Schließlich war das permanente Experiment stets das Hauptanliegen meiner Arbeit. Also machte ich mich ans Werk.“

Somit also: Techno! Tatsächlich wurden auf ‚City Raga’ die freischwebenden Collagen der Vergangenheit abgelöst durch mal treibende, mal ausgelassene und stets vom Groove dominierte Melodien. ‚City Raga‘, sagt Fricke versonnen, „ist sicher kein Bruch zu meiner bisherigen Arbeit. Aber ich wollte mich zumindest einmal in meiner Vita an einem zeitgenössischen Trend orientieren, ohne meine Wurzeln dabei zu verleugnen. Ich habe versucht, an die Seele einer häufig seelenlos gespielten Musik vorzudringen. Und ich wollte endlich mal eine Platte speziell für junge Leute machen.“

Auch Amon Düül haben mit ‚Nada Moonshine‘ versucht, ein zeitgemäßes Werk abzuliefern, das in seiner psychedelischen Ausrichtung an die Vergangenheit erinnert und in seinen munteren Beats auf die Zukunft verweist. „Ich fühle mich“, lacht Chris Karren, „in der heutigen Zeit recht wohl, auch wenn ich die Vergangenheit als Vision und verklärtes Ideal nach wie vor hochhalten möchte. Doch dieses sehr harmonische Nebeneinander von Mode, Kunst und Politik der heutigen Zeit gefällt mir sehr. Früher, da gab es doch nur die Ausgrenzung der verschiedensten Fraktionen. Diese sturen 68er, das war doch ein furchtbar verkniffener Haufen! Ich sehe mich zwar immer noch als Hippie, aber ich bin voll und ganz in den 90er Jahren zu Hause. Ich brauche diese Kontroverse, denn klar, in der Moderne gibt es diese schrecklich dumpfe Oberflächlichkeit, die einen lähmt. Aber mit den Erfahrungen von gestern ist es für mich ein leichtes, diese zu überwinden.“

Und unter diesen Umständen ist es kein Wunder, daß Can, Kraftwerk, Amon Düül oder Popol Vuh jetzt, an der Schwelle ins nächste Jahrtausend, wieder im Gespräch sind: Schließlich waren Visionen nie so gefragt wie heute. Da verzeiht man Chris Karrer selbst sein anachronistisches Zuhause und seine eigenartigen Klamotten-Individualität und eine eigene Identität sind schließlich kostbare Trümpfe im Pop-Geschäft von heute ...

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