RENAISSANCE FÜR DEN KRAUTROCK?

Ein wunderliches und lange Zeit weitgehend verdrängtes Kapitel der Rockgeschichte gerät unvermittelt wieder ins Blickfeld - vor allem im Ausland und nicht nur als Sample-Jagdgrund für Techno- und Trance-Musiker ist das Phänomen ‘Krautrock’ wieder im Gespräch.

Michael Fuchs-Gamböck

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Ähnliche Erinnerungen hat auch Florian Fricke an seine musikalische Vergangenheit. Fricke ist heute 51, klassisch ausgebildeter Komponist bzw. Pianist und seit exakt 25 Jahren der Kopf des ebenfalls in München ansässigen Projekts Popol Vuh, das sich zumindest in der deutschen Öffentlichkeit besonders durch die Soundtracks zu Werner-Herzog-Filmen wie ‘Aguirre, der Zorn Gottes’, ‘Nosferatu’ oder ‘Fitzcarraldo’einen Namen gemacht hat.
In England, Frankreich, Italien oder Amerika steckt man die Combo gerne in die New-Age-Ecke - in die sie nach Frickes Ansicht aber gar nicht hingehört.
Für ihre nicht unbeträchtliche Anhängerschar in aller Welt paßte Popol Vuh sowieso in keinerlei Stil-Schublade. Fricke war neben dem Klassik-Rock-Veteranen Eberhard Schöner der erste deutsche Musiker, der bereits anno ‘69 über einen Moog-Synthesizer verfügte, auf dem er die ersten beiden Popol-Vuh-Alben ‘Affenstunde’und ‘In den Gärten Pharaos’ einspielte - noch heute gelten sie als Sternstunden im Bereich experimenteller Elektronik-Musik. “Ehe die Düüls oder mein Projekt anfingen, die Musik-Szene in Deutschland zu prägen, gab es nur seichten Schlager auf de einen oder ein Sammelsurium schräger Töne auf der anderen Seite. Also: Kitsch oder die völlige Negierung von Tonalität. Wenn man ein seriöser Musiker sein wollte, galt die Faustregel: bloß keine Melodien. Dadurch gab es natürlich ein riesiges Vakuum in de Musiklandschaft. Undgenau das versuchten wir zu füllen”, erinnert sich Fricke.
Außerdem litten all die einheimischen Musiker vor 1968 unter einem kulturellen Minderwertigkeitskomplex. Aber die gewaltigen Erfolge der Beatles und der Rolling Stones mit ihrer rebellischen Attitüde hatten zur Folge, daß in ganz Deutschland eine irre Aufbruchsstimmung entstand. Wir jungen Wilden fühlten uns plötzlich als kosmopolitische Weltbürger. Und bei aller verschiedener musikalischer Prägung von Can, Amon Düül oder Popol Vuh hatten wir doch eine Sache gemeinsam: die Andersartigkeit, gepaart mit diesem visonären wordl-feeling. Der Rest Europas war unsicher wegen dieser Bewegung, und um uns wie gewohnt abzuwerten, verpaßte man uns das Etikett ‘Kraut-Rock’. Wir Musiker fanden das zu Anfang blöde. Doch die Industrie stürzte sich drauf, als sie merkte, daß damit Geld zu machen war. Und irgendwann traten auch wir die Flucht nach vorne an, nannten uns Kraut-Rocker und füllten diesen Begriff mit jeder Menge Leben. Doch die große Ernüchterung kam schnell. Denn während sich alle Künstler zu Beginn noch kannten und unterstützten, ließ dieses ungeheure Kollektivgefühl schon Mitte der 70er Jahre nach. Jeder vons uns mußte schauen, wo er blieb. Das Hippietum war endgültig passé”.
Knapp 20 Jahre lang dümpelten die meisten Kraut-Rock-Veteranen vor sich hin: Chris Karrer schloß sich der Münchner Weltmusik-Formation Embryo an und vagabundierte ein Jahrzehnt lang durch die Welt. Florian Fricke stellte einen Großteil seines Schaffens in die Dienste des Filmemachers Werner Herzog, für den er Soundtracks fabrizierte. Faust, Gila und viele andere Bands lösten sich gar mangels Nachfrage auf. Can und Kraftwerk zehrten vom Ruhm der vergangenen Tage. Guru Guru, Tangerine Dream oder Cluster hielten sich äußerst mühsam und mit stetig sinkenden Verkaufszahlen ihrer Tonträger über Wasser. Kraut-Rock, so schien es, war endgültig zum historisch-nostalgischen Relikt der Pop-Geschichte verkommen.

Neues Interesse in England und Amerika

Mitte der 90er Jahre sieht die Musik-Welt das anders. Popol Vuh und Amon Düül haben mit ‘City Raga’ bzw. ‘Nada Moonshine’ neue Tonträger auf den Markt gebracht, Guru Guru und Grobschnitt arbeiten an neuen Werken, Faust haben sich reuniert und in der Londoner Queen Elizabeth Hall ein beachtliches Comeback in Form eines ausverkauften Konzerts hingelegt.
Cluster tourten in diesem Sommer mit großer Publikums- und Medienresonanz durch Japan und die USA.
Schon ist wieder von Hype die Rede: “Kraut-Rock is back”, jubelte die zeitgeistige englische Fachpresse bereits.
Überhaupt, England - hier flammte das wiedererwachende und von keinem mehr ernsthaft erwartete Interesse am Kraut-Rock zuerst auf. Schallplatten der geschichtsträchtigen Labels ‘Ohr’, ‘Pilz’und ‘Brain’ gelten im Königreich als gesuchte Sammlerstücke und werden mit Preisen bis zu 90 Pfund (etwa 200 Mark) gehandelt. Für die junge Generation van DJs und Sound-Tüftlern, die sich den Dance-Trends Jungle, Ambient oder Techno verschrieben haben, sind Can, Kraftwerk, Tangerine Dream oder Popol Vuh nichts weniger als die Pioniere ihrer Zunft und schier unerschöpfliche Sample-Quellen. Und der Ex-New-Wave-Heroe Julian Cope hat vor kurzem sein vielbeachtetes Werk ‘The History of Krautrock’ veröffentlicht, in dem die ‘teutonic sounds’ in den Himmel gelobt werden. Auch sein 1995er Album ‘20 Mothers’ ist unüberhörbar an Copes große Idole Can oder Amon Düül angelehnt. “Kraut-Rock”, schwärmt Julian Cope, “ist der pop-Sound der Zukunft. Das war, ist und wird immer die spirituellste, experimentellste und aufregendste Musik diese Planeten sein."
Und Florian Fricke konstatiert leicht verwundert: “Der Trend zu dem alten Kram ist schon seit ein paar Jahren wieder da. Das liegt an der Techno-Bewegung: die echten Freaks dieser Klänge wollen nicht nur ihren Sound hören, sondern sie sind auch sehr geschichtsbewußt. Sie wollen zu den Wurzeln dieser Musik stoßen bei ihrer Suche zwangsläufig auf uns.”

Alte recken auf dem Weg neuen ufern

Tatsächlich versuchen auch einige der Pioniere von einst, sich neues musikalisches Terrain zu erschließen. Popol Vuh etwa auf ‘City Raga’, das eindeutig von Techno- und House-Beats geprägt ist. “Irgendwie”, grübelt Florian Fricke, “bin ich beeindrückt von Techno. Das liegt sicherlich daran, daß es diesem Sound massenwirksam gelungen ist, die Archaik zurück in die Musik zu bringen. Genau das war ja immer schon mein Grundthema, seit ich anfing, mich mit U-Musik zu beschäftigen. Aber endgültig überzeugt von Techno hat mich mein 19jähriger Sohn, der seit langem nichts anderes als HipHop und Techno hört. Immer wieder hat er mir dieses Zeug vorgespielt, voller Enthusiasmus. Und da habe ich mir dann eines Tages gedacht: ‘Warum zum Teufel nicht mal eine Dance-Platte produzieren?’ Schließlich war das permanente Experiment stets das Hauptanliegen meiner Arbeit. Also machte ich mich ans Werk.”
Somit also: Techno! Tatsächlich wurden auf ‘City Raga’die freischwebenden Collagen der Vergangenheit abgelöst durch mal treibende, mal ausgelassene und stets vom Groove dominierte Melodien. ‘City Raga’, sagt Fricke versonnen, “ist sicher kein Bruch zu meiner bisherigen Arbeit. Aber ich wollte mich zumindest einmal in meiner Vita an einem zeitgenössischen Trend orientieren, ohne meine Wurzel dabei zu verleugnen. Ich habe versucht, an die Seele einerhäufig seelenlos gespielten Musik vorzudringen. Und ich wollte endlich mal eine Platte speziell für junge Leute machen.”

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From: WOM, november 1996