DU UND DEINE 7 MILLIONE GEFÜHLE ODER MUSIK LIEGT IN DER LUFT

POPOL VUH ist eine Musikgruppe, die mit dem MOOG-Synthesizer arbeitet, einem elektronischen Musikinstrument. Seit etwa fünf Jahren geistert die Moogmaschine in der Musikszene bizar rund nachäffend herum; wir haben gehört: Es führen Motorräder in einem Froschteich; Musik von Bach oder erfolgreiche Rockmusik wurden elektronisch damit reproduziert. Dinge, die wir schon gehört haben, haben wir noch einmal gehört.
Für uns ist der MOOG-Synthesizer die Möglichkeit, Klänge zu erzeugen, die wir noch nie gehört, immer nur geahnt haben – wir haben sie in uns herumgetragen. Wir finden sie in unserm Unbewußten, im Traum, wir finden sie beim Musikmachen.
Wir suchen sie nicht in der Maschine, sondern in uns. Unsere Ohren führen uns dann zu dem Sound – und die Moogmaschine macht da immer mit. Du kannst etwa sieben Millionen verschiedenen Klänge erzeugen, und in jedem einzeln Klang manifestiert sich ein anderes Gefühl  von dir.
Die Musik, die man mit dem MOOG machen kann, umfaßt schlechthin die Empfindungsmöglichkeit des Menschen. So zeigt uns die Arbeit an diesem Instrument einen Weg, sich selbst zu efahren. Du mußt mit deiner Phantasie die Maschine begreifen, sonst begrenzt du sie, du musst verstehen, dass deine Art zu fühlen, die Summe von einer Menge von Vorgängen sind.
Du mußt den Ablauf dieser Vörgange aufspüren, dann kannst du einen ähnlichen Weg an dem Instrument einschlagen und findest den Klang, der dem von dir an dir wahrgenommenen Gefühl, das du in Musik ausdrücken willst, genau entspricht.
Glück oder Angst im Übermaß können von unserer Musik ausgehen. Nirgendwo ist sie einzuordnen, außer im Gefühlsbereich der Leute, die sie hören. Wenn du Angst hast vor deinen Gefühlen, dann wirst du bei dieser Musik auch Angst haben, wenn du Freude has tan dem, was in dir ist, dann wirst du dich finden in dieser Musik, dann ist dir, als würdest du träumen. Mit dem von Robert Moog in New York entwickelten Synthesizer ist es möglich, mit Elektronik Live-Musik zu machen.
Du kannst die Moogmaschine als deine  Stimme, deine Gitarre, dein Cleveland-Orchestra betrachten und darauf spielen wie auf jedem anderen transportablen Gerät. Du kannst mit jedem herkömmlichen Instrumentalisten zusammen musizieren. So entsteht unsere Musik zunächst auch nicht im Studio, sondern dort, wo wir gerade leben, in Peterskirchen bei Wasserburg in einem alten Pfarrhof oder in Miesbach auf dem Stadlberg.    
Dieses Maß an Freiheit ist notwendig , um über Technik hinaus mit dieser überaus komplizierten Apparatur Musik machen zu können, in der sich Leben vermittelt, nicht nur die Materie Ton.
Wir sehen in dem Synthesizer eine geniale Zusammenfassung all unseres Wissens über das Medium Klang. (Dieses Wissen ist etwa sechstausend Jahre alt.)
Die Moogmaschine bietet uns die Perfektion des Tons an; so gehen wir um mit einer menge Erfahrung . Wenn wir diese Erfahrung dazu benutzt haben, Musik zu machen, die beim Hören Phantasie erzeugt, die spürbar werden läßt, daß Musik Ausdruck vonLeben ist, Ausdruck von uns allen, dann ist es das, was wir mit der Musik  ´Affenstunde´ zu realisieren vorhatten.
POPOL VUH sind zunächst nicht wir: wir weisen mit diesem namen auf ein gleichnamige Buch hin, in dem sich die Denk- und Gefühlsstrukturen der Quichè-Indianer  -  einer Prämayakultur – vermitteln. POPOL VUH ist eine Niederschrift aus der Rückerinnerung, zu dem Zeitpunkt, als die Spanier, als die katholische Kirche das Gebiet, das Denken, das Leben der letzten Quichè-Indianer vernichteten. POPOL VUH heisst nichts, es bedeutet möglicherweise so viel wie ALLES, GOTT, OM, Licht, Energie. Die beiden Wörter sind Klang.

Es gibt zwei Deutsche Übertragungen dieses Buchs. Die eine: eine sehr sorgfältige, bewundernswerte  Arbeit von Dr.Schultze-Jena. Es gibt sie noch vereinzelt in Staatsbibliotheken und Archiven die andere, eine unernste, vereinfachende, neueren Datums. Sie heißt:  ‘Buch des Rates’.
Florian Fricke:  “Ich studierte seit meinem 14. Lebensjahr Musik bei Rudolph Hindemith und an der Freiburger Musikhochschule. Mit 19 Jahre habe ich damit aufgehört. Ich hatte keine Lust mehr, überhaupt etwas anderes zu tun, als erstmal wieder zu leben.
Mit 25 Jahren dachte ich, ich hatte eine Menge gesehen, gehört und gefühlt, ich wollte es vermitteln. Zu dieser Zeit beschäftigte ich mich mit dem Gedanken, ein Elektronium von Hohner umzubauen; ich erfuhr in diesem Zusammenhang von dem MOOG-Synthesizer. Vier Monate danach hatte ich ihn vor mir stehen. Zunächst habe ich mich Tag und Nacht damit beschäftigt. Ich habe in dieser Zeit praktisch nie aufgehört, über diese Materie nachzudenken. (So etwas wie Anleitungen gibt es nicht).
Nach ungefähr drie Monaten war ich an dem Punkt angelangt, wo das Lernen aus dem Spielen, dem Musikmachen kam. Während dieser Zeit besuchten mich eine Menge interessierter Leute und Musiker. Holger und Frank waren die irrsten Typen darunter. Wir beschlossen zusammenzuarbeiten.
Die Arbeit an unserer ersten Platte Affenstunde war sehr schön, sie entstand aus dem Leben, aus unseren Gesprächen. Wir haben nie geprobt, nahezu alles auf ´Affenstunde´ ist in einem einzigen Live Vorgang gespielt.”
Holger Trülzsch: “Ich saß, bevor ich zu POPOL VUH kam, wegen Haschisch vier Monate in Nürnberg im Knast. Davor war ich bei Amon Düül II. Dort bin ich weg, als die Musik zu kommerziell wurde. Als ich zu Florian kam, hat er mir erstmal ein Rhythmmusstück vorgespielt, da habe ich ziemliche Angst gekriegt. Es hat mich voll im traumatischen Bereich erwischt”. Frank Fiedler: “Ich war vorher auf der Filmakademie in Berlin und bei eine Musikgruppe. Mich interessiert am MOOG die phantastische Moglichkeit, mit Raumen zu spielen. Ich arbeitete am 4-Kanal-Mischpult und dringe darauf, um den Moog herum eine Gitarrenszene aufzubauen.”

Florian Fricke

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WAS IST DAS EIGENTLICH – EIN MOOG-SYNTHESIZER?

Der Moog-Synthesizer ist ein spannungskontrolliertes System zur Tonerzeugung in Modulbauweise. Audiospannung des Systems ist ein Volt, Steuerspannung 0,5  bis 15 Volt. Folgende Bausteine kommen zur Verwendung  Rauschgeneratoren, Mehrbereichsfilter, spannungskontrollierte Hoch- und Tiefpaßfilter mit zusätzlicher Regenerierung, spannungsgesteuerte Oszillatoren, umschaltbar auf Sinus-,  Rechteck-, Dreieck- und Sägezahnweilen, mit einem Frequenzbereich von 0 bis 20 kHz, Mutteroszillatoren als Spannungssteuerung der Tonoszillatoren, lineare und expotentiale Verstärker, Hüllkurvengeneratoren mit einstellbarer Ein- und Ausschwingzeit von 10 m/sec bis 10 sec., Mixer, Phasenumkehrer, nicht spannungskontrollierte Hoch- und Tiefpaßfilter und eine Tastatur mit 61 Tasten und folgenden Funktionen: Lagenwechsel en bloc, spannungsgesteuerte
Modulationsmöglichkeiten der produzierten Klänge und Verzögerung von Spannungsänderungen, wodurch genau einstellbare Glissandi (Gleittöne) von einer Taste zur nächsten produziert werden können.
Diese Tasten zupfen oder schlagen keine Saiten – sie schalten: Steuerströme der Mutteroszillatoren, diese wiederum die spannungsgesteuerten Tongeneratoren, geregelten Hüllkurvenoszillatoren und so weiter und so weiter. Anders als bei den klassischen Musikinstrumenten, die zur Erzeugung der Töne schwingende Körper, Saiten, gespannte Felle oder in Schwingungen versetzte Luftsäulen (Flöten oder Schalmeien) verwenden, gibt es bei “Instrumenten” wie dem Moog Synthesizer nur noch eine Vielzahl hochkomplizierter elektronischer Schaltungen, Steckverbindungen und Regler.
Diese “unnatürliche” Form der Lauterzeugung ist ein Produkt des technischen Zeitalters. Physiker begannen zur Beschreibung und Analyse mechanischer Vorgänge (wie dem Vorgang der Lauterzeugung, der Schwingungsvorgänge) physikalisch-elektrische Analogien zu entwickeln, die zu einer Zerlegung der komplizierten Schwingungsgebilde eines natürlichen Lautes in Seine Elementarstrukturen führte.
Zum Synthesizer, einem Gerät zur Synthese elementarer Schwingungsvorgänge zu beliebigen Komplexen, führt zweierlei: Einmal die Kenntnis dieser Elementarstrukturen, die Möglichkeit, sie mit Hilfe von Transistoren, Spulen, Widerständen, Kondensatoren und anderem auf elektrischem Weg darzustellen – hier schwingt also keine Luftsäule, sondern ein elektrischer Strom. Zum andern: Diese Elementarstrukturen dann wieder zu kombinieren zu bestimmten Lautarten – ähnlich der Registratur einer Orgel, die verschiedene Pfeifen zu einem Klangbild kombiniert.
Da unsere Ohren, um zu hören, auf das schwingende Medium Luft angewiesen sind, müssen die elektrischen Schwingungen des Synthesizers so verstärkt werden, daß sie einen festen Körper,zum Beispiel eine Membrane. In Schwingungen versetzen können, dieser wiederum die ihn umgebende Luft. So wird uns ein akustisches Bild des elektrischen Vorgangs vermittelt, ein Ton – ein synthetischer Ton.

From: Twen, März, 1971,  p.108-109