KRAUT-GURU

Zum Tod des Musikers und Kritikers Florian Fricke

Es muss im Winter 1969 gewesen sein, als ich mich einem Hügel in Miesbach näherte und schon aus der Ferne die seltsamsten Klänge aller Zeiten wahrnahm, die in ihrer Fremdartigkeit so rein und unschuldig klangen und so unberührt wirkten wie der Schnee vor diesem Bauernhaus. Dort wohnte und arbeitete der Musiker und Komponist Florian Fricke und experimentierte an einem aufregenden, gänzlich neuen Instrument, dem allerersten Moog Synthesizer, der bald darauf Einzug in vor allem deutsche Musikerstuben halten sollte und die Musikwelt völlig veränderte.
Fricke saß vor diesem elektronischen Monstrum, umgeben von einem Wirrwarr an Kabeln, Steckern, Reglern, Schaltern und Boxen, entlockte dem kalten Metal-Ungetüm die feinsten, filigransten und fernsten Klänge und komponierte daraus seine Meditationen, die den Beginn der deutschen Undergroundmusik begleiteten. Florian Fricke wurde 1944 in Lindau geboren, studierte Piano und Komposition an der Freiburger Musikhochschule und war später Schüler von Paul Hindemith. Er drehte Kurzfilme, schrieb Musik- und Filmkritiken für diese Zeitung. Dann entdeckte er den von Robert Moog in Amerika entwickelten Zauberkasten und widmete sich nur noch der eigenen Musik. Über 25 Langspielplatten und zwölf Filmmusiken sind bis zu seinem frühen Tod am vergangenen Freitag entstanden.
Fricke war einer der Vorreiter der so genannten “Krautrock”-Elektronik oder “Kosmischen Musik” und anderen Etikettierungen, die seiner Musik allesamt nicht gerecht wurden. Er beeinflusste Kollegen wie Klaus Schulze und Tangerine Dream und eine Unzahl internationaler Popkünstler. 1969 enstanden die Gruppe Popol Vuh und die erste Platten. Vor allem aber wurde er durch seine langjährige Zusammenarbeit mit dem Regisseur Werner Herzog bekannt, für dessen Filme “Aguirre”, “Fitzcarraldo”, “Cobra Verde”, “Nosferatu” und ‘Herz aus Glas” er die Filmmusiken komponierte.
Für Vertreter der jüngeren Musikergeneration galt er als Pionier der in den neunziger Jahren populär gewordenen Ambient und Trance Musik, ihm selbst lag zum Schluss seine klangtherapeutische Arbeit am Herzen, Atemtechniken, die er als “das Alphabet des Körpers” bezeichnete.

Ingeborg Schober

From: Süddeutsche Zeitung, 3 januar 2002