MUSIK IST FÜR MICH EINE FORM DES GEBETS


Popol Vuh, Musikgruppe aus München, verzichtet auf den Moog Synthesizer. Mit dieser Musikmaschine hatte Popol Vuh (als einzige deutsche Popgruppe) zwei Langspielplatten produziert, zuletzt “In den Gärten Pharaos”, und die Musik für Werner Herzogs Spielfilm ‘Aguirre, der Zorn Gottes’ aufgenommen. Auf ihrer neuen Langspielplatte HOSIANNA MANTRA wurden die elektronischen Klänge durch klassische Instrumente wie Oboe, Violine und Fagott ersetzt, die zum Teil von Mitgliedern der Münchener Philharmoniker gespielt wurden. Eine koreanische Sopranistin singt dazu hymnische Lieder in deutscher Sprache.

Seit Jahren bin ich mit Florian Fricke befreundet. Es ist eine von den Freundschaften, die intensiv und in großen Intervallen sich ausdrücken. Man sieht sich gern und dann lange nicht - ohne sich zu verlieren. Ich sah Popol Vuh vor einiger Zeit im Studio bei der Arbeit an der Platte, die jetzt herauskommt - sie waren unansprechbar. Nun - Monate danach holten sie mich, weil jetzt über die Platte gesprochen werden soll. Ich sollte Vermittler spielen, etwas für die Medien schreiben. So ging ich hin und hörte und fühlte die Musik und sah, wo sie stehen.
Florian ist ein hingebungsvoller Musiker und Intellektueller in wechslender Einheit - Conny Veits mehr praktischer Intellekt wirkt dabei stabilisierend. Es bot sich uns als methode für große Genauigkeit kein verbales Interview, sondern ein Aufschreiben von Antworten auf Fragen, die als Reibfläche, Startlöcher vorgegeben wurden. Es sollten vor allem einfache, schematische Fragen sein, gängigem Bewußtsein folgend und ohne Einengung vom Frager her - zu deuten und füllen nach Belieben vom Antwortenden. Das ging gut, und die Teilnehmer dieses ‘Gespräches’ waren zufrieden, denn man lernte sich staunend noch einmal ein wenig besser kennen. Vermittlung im Kleinen war es - mediale Information.
Eine der Fragen wurde dabei nicht beantwortet: “Ihr habt einen Ausflug in die im weitesten Sinne östliche Geisteswelt gemacht und seid nun zurückgekehrt. Deutet das auf einen Versuch hin, unsere Hier-und-Jetzt-Situation Bewußter und ohne Ausweichen in Träume anzugehen?
Doch vielleicht ist das folgende Interview eine Antwort als Ganzes - eine zögernd positive.

Wer ist Popol Vuh und wie hat sich die Besetzung der Gruppe verändert?

Florian Fricke: Es sind fast drei Jahre her, da habe ich meinem Vorhaben, eine neue, hymnische Musik zu schaffen, den Namen Popol Vuh gegeben. Zwei Freunde fülhten sich damals vor allem zugehörig” Holger Trülzsch (percussion) und Frank Fiedler (moog synthesizer mix-down). Wir haben zusammen zwei Langspielplatten gemacht, AFFENSTUNDE und IN DEN GARTEN PHARAOS. Holger ist danach eigene Wege gegangen - manchmal spielt er noch bei uns mit. Frank ist weiterhin dabei. Zunächst verwirklicht er jedoch eine eigene musikalische Idee. Er arbeitet jetzt unabhängig von mir am Moog. Die neue Popol Vuh-Formation sieht so aus: Conny Veit (E-Gitare, 12-string), Robert Eliscu (Oboe), Djong Yun (Gesang), Klaus Wiese (Tamboura) und ich. Conny und ich arbeiten seit Frühjahr 1972 zusammen; jetzt, am Ende des Jahres - nach harter Arbeit - sind wir Freunde.

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Dein Eigener Körper eine Kirche


Die neue Langspielplatte heißt HOSIANNA MANTRA. Deutet das darauf hin, daß ihr euch nun mit abendländischer Kirchenmusik beschäftigt?

Florian Fricke: Schon die LP IN DEN GARTEN PHARAOS ist eine irgendwie sakrale, ergriffene Musik; sie zeigt das noch nicht so deutlich, da die Musik rein instrumental ist und niemand darauf ein religiöses Wort singt. Beim komponieren von HOSIANNA MANTRA bin ich von christlichen Textinhalten ausgegangen. Wir haben lange nach einer geeigneten Sängerin gesucht. Es war ein Wagnis, das ich nur dem Text zuliebe eingegangen bin. Ein freund aus Berlin hat uns dann eines Tages mit dem koreanischen Mädchen Djong Yun zusammengebracht und wir konnten nach vier Wochen Proben mit ihr ins Studio gehen.
In meinem Selbstverständnis ist HOSIANNA MANTRA sehr christlicher Musik; Kirchenmusik kann man sie nicht nennen, außer du verstehst deinen eigenen Körper als Kirche und die Ohren als ihren Eingang.
Conny Veit: Auch ich nehme Abstand von der Klassifizierung ‘Kirchenmusik’, obwohl ich es durchaus für möglich und angemessen halte, daß HOSIANNA MANTRA als Kirchenmusik Anwendung findet. Eigentlich ging es mir bei der Realisierung dieser Platte um etwas andres. Ich woillte mit meinen mit mir zur verfügung stehenden Mitteln urchristliches Sein und Fühlen erfassen, um die Richtigkeit elementarer Wahrheiten im christlichen Wort zu vermitteln. Nich als Prediger, sondern als einer, dem archaische Lebensformen wertvoller und richtiger erscheinen als unsere eigene Jetzt-Kultur.

Wie ist denn eine Musik, die du, Florian, “sehr christlich” nennst?

Florian Fricke: Jede Zeit hat dafür natürlich ein naderes Gefühl. Vielleicht kann man sagen: Christliche Musik ist im Fühlen schmerzlich, im Ausdruck lächelnd - denk an unsere Rose als christliches Symbol - im Gegensatz zur Lotusblume des Ostens. Die Rose hat Dornen auf dem Weg hinauf - und oben thront etwas ganz Wunderbares, die Blüte - Kreuzigung und Auferstehung, Sterben, um geboren zu werden; dieses ist christliches Verständnis, das wir z.B. im Klang der Oboe finden, in der Dornenkrone des Cembalo, auch in der E-Gitarre, so wie Conny sie spielt, jubelnd und klagend zugleich. Unser ‘Kyrie’ kann dir zeigen, was ich unter typisch christlicher Musik verstehe. Man muß es hören.”
Conny Veit: “Für mich ist das sehr einfach zu beantworten. Es ist keine Musik zum Zwecke der Selbstbehauptung. Es ist Musik, die der Selbsthingabe entspringt. Nicht Behauptung des ichhaften Fühlens, sondern Hingabe as das selbstlose Fühlen was für mich notwendig, um diese Musik machen zu Können - und das ist christlich.

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Sich reinigen, verinnerlichen - ohne Technik

Der Moog Synthesizer, der gerade bei euch eine so große Rolle spielte, kommt nun nicht mehr vor. Warum?

Florian Fricke: Im Zusammenhang mit christlich religiöser Musik möchte ich den Moog Synthesizer nicht verwenden. Das hat mehrere Gründe. Einige davon will ich nennen: Entscheidend für den Wahrheitsgehalt einer Musik könnte sein, wieweit die Art und Wiese der Herstellung identisch ist mit dem Inhalt, der am Ende, nach der Abmischung, auf dem fertigen Band ist. Ein Beispiel: Vor kurzem las ich auf einer Plattenhülle, daß eine Berliner Avantgardegruppe bei einer Platte, die eine elektronische Meditation beinahlten soll, eine Peitsche verwendet hat. Das ist doch ein Unding - und der Moog Synthesizer ist letzten Endes auch so eins. Er ist schwarz und äußerlich erschreckend, er ist ein überdifferentziertes, technisches Gebilde, das man z.B. sehr lange einstimmen muß, um in klängliche Bereiche zu gelangen, die nicht kalt sind und nur Technik vermitteln - was ja keinesfalls meine Absicht ist. Musik ist für mich im Laufe der Jahre immer mehr zu einer Form des Gebetes geworden. Man kann wohl mit Elektronik zunächst mehr als mit anderen natürlichen Klängen die Tiefe, das Unbewußte, das Zeitlose des Menschen erreichen - ich weiß das und es hat mich lange fasziniert. Ein schönerer und ehrlicher Weg scheint mir heute zu sein, sich selbst ohne technische Hilfsmittel zu reinigen und zu verinnerlichen und dann mit einfacher, menschlicher Musik diese Räume des Dunkels oder Lichts, den inneren Menschen anzurühren”.

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Gott ist hier, in unserem Tun, Sprechen, Fühlen

Die gesungenen Texte sind sämtlich auys der Bibel. Welche Beziehung hast du zu ihr?

Florian Fricke: “Ein Freund hat mir vor zwei Jahren die Übersetzung des Alten Testaments von Martin Buber, dem jüdischen Philosophen, geschenkt. Die, wenn ich das so sagen darf, sinnliche, mittelmeerisch-strahlende Sprache, die übersichtlcihe szenische Ordnung dieser Übersetzung hat mier das Wesen der bilbischen Gestalten sehr nahe gebracht - die Bibel wurde Leben für mich.
Immer wieder las ich das Buch Samuel - war es zu Ende gelesen, dann suchte ich in den Chroniken, den Geschichtsbüchern nach weiteren Angaben über diese Zeit. Ich würde meinen Ansatz beim Lesen damals gar nicht so sehr religiös nennen. Doch mit der Zeit hat sich das, wie’s eben so geht, verfeinert. Textvergleiche mit Luthers Übersetzung haben mir dann nachträglich den hohen geistigen Rang der Lutherschen Sprache und seiner Deutung bewußt gemacht.

Warum diese Auswahl an Texten und was bedeutet die Textstelle “Sehr nahe ist dir das Wort” und “es”, also das Wort “es zu Tun”, und warum war dir diese Textstelle so wichtig, daß du sie ausgesucht hast?

Florian Fricke: “Schon während der Arbeit am ‘Pharao’ komponierte ich an der ‘Segnung’aus dem 5. Buch Mose. Für mich war es immer ein Liebeslied an meine Frau.
Der Text, der heute auf HOSIANNA MANTRA ‘Nicht hoch im Himmel’heißt, war damals auch schon bekannt - ich glaubte aber, seine Vertonung wäre zu schwer für mich. Andererseits hat er mich als klare, unmisverständliche Definition vom Religiösen tief beeindrückt. Ich habe das Lied dann doch kurz vor dem Studiotermin komponiert.Der Text erschien mir auch deshalb so wichtig, weil ich wußte, daß eine religiöse Platte heutzutage sicherlich vielen Mißverständnissen ausgesetzt ist - und dieser Text sagt doch klar, daß Religion keine Sache ist außerhalb der Reichweite des Menschen, sondern daß Gott hier ist, hier unten, in unserem Tun, Sprechen und Fühlen. Ja, das ist wichtig zu sagen.
Dies sind die Texte der B-Seite. Die A-Seite ist eine kleine ‘Messe’ von Popol Vuh. Das erste Stück ‘Ah’ist ein Staunen. Ich habe mit meinem Spiel am Klavier versucht, daß Rückgrat zu berühren, Terzenläufe rauf und runter, und Conny spielt so, als wäre er gerade aus einem tiefen Schlaf erwacht, schaut sich verwundert um und sagt: ‘Das gibt’s ja gar nicht!’
Das anschließende ‘Kyrie’ist ein in gewisser Weise klassisches ‘Kyrie Eleison’und mehr noch als das erste Stück Vorbereitung für das große zentrale ‘Hosianna Mantra’. Da hatte ich die vor Augen, die dem Jesus auf dem Maultier beim Einzug in Jerusalem zujubeln: ‘Hosianna, Sohn Davids!’ Wenn ich das Stück spiele, dann stehe ich in dieser Schar der Bedürftigen und sage mir: “So jetzt bist du dran”, und dann spiele und singe ich zu dieser, wenn man so will, schäbigsten Krönung aller Zeiten.

Musik ist ein Dienst am Schönen

Will euere Musik Verbindungen schaffen zwischen abendländischen und ösltichen Religionsverostellungen?

Conny Veit: Das hieße, wir wollen eine Verbindung schaffen, die ohnehin besteht. Der in einem religiösen Begriffssystem Verhaftete ist sicherlich nicht in der Lage oder nicht willens, diese Verbindung zu sehen. Der Nicht-Verhaftete, leichtfertigerweise oft der ‘Ungläubige’genannt, ist gezwungen, in den Extrakten der verschiedenen Glaubensbekenntnisse eine religiöse Wahrheit, den Ursprung zu erkennen.

Ist eure Musik eigentlich noch Popmusik, wie ja eure vorigen Platten und das Label, wo sie erschienen, nahelegen?

Conny Veit: Der Begriff Popmusik entspringt dem kommerziellen Bereich, und daher würde ich dich bitten, uns diese Frage in einem Jahr wieder zu Stellen: Vielleicht ist HOSIANNA MANTRA bis dahin Popmusik geworden. Ich halte das für möglich - die Musik ist begreifbar.

Wie verträgt es sich miteinander, Musiker und Komponist geistlicher Musik und Zulieferer der Plattenindustrie zu sein?

Conny Veit: Ich finde es nicht tragisch. Wir liefern keine zerstörerisch wirkende Produkte. Die Plattenindustrie ist für mich eine bloße Vertriebsorganisation, die nichts mit dem Inhalten unserer Musik zu tun hat. Wenn überhaupt Kommerz und Handel, dann Handel mit Waren, die nicht zerstören, weder den Menschen noch seine Umwelt.

Welche Beziehungen gibt es zwischen euer Platte HOSIANNA MANTRA und einer Lebensweise?

Florian Fricke: Da kann ich natürlich nur für mich sprechen. Ich weiß, daß es wichtig ist, daß sich das Produkt nicht wesentlcih von der Art und Weise unterscheidet, in der es hergestellt wurde - ich habe das vorher schon gesagt. Selbstverständlich ist HOSIANNA MANTRA schöner, vollkommener, weicher, versunkener als ich selbst es die meiste Zeit bin. Beim machen der Musik aber ist mittlerweile doch wenig individuelles Verhaftetsein, wenig Unschönes dabei. Doch darf man sich nie gleichsetzen mit seinem Produkt, das ja die Konzentration all dessen darstellt, was sonst noch recht im Wirbel begriffen ist. Musik ist mein Mittel, mich der Utopie realistisch zu nähern; sie ist ein Dienst am Schönen und man wird belohnt.

Nicht hoch im Himmel ...

Nicht entrückt ist Es Dir
Nicht hoch im Himmel
Hoch im Himmel
Daß Du sagst:
Wer steigt für uns hinauf
Und holt uns.

Sieh, nciht überm Meer ist’s
Nicht fern
Daß du sagst:
Wer fährt uns übers Meer hinüber
Und holt uns.

Nein,
Sher nah ist Dir das Wort:
In deinem Mund und
In Deinem Hersen,
Es zu tun.


© Edition Intro

Rainer Langhans

   From: Sounds, nr.49, 3/1973, p.35-37