POPOL VUH

BAROCK-KIRCHE DIENTE ZUR POP-AUFNAHME

Die Produktion einer neuen Langspielplatte ist gewiß nichts Besonderes. Wenn aber dafür eine deutsche Gruppe eine der ältesten und schönsten bayerischen Barockkirchen mietet - dann wird es eben doch zum Ereignis. Schon 1970 fiel die Münchener Gruppe Popol Vuh durch ihre erste LP "Affenstunde" auf. Damals war es Florian Fricke, Gründer, Motor und Songschreiber der Gruppe, der als erster Deutscher mit einem Moog Synthesizer experimentierte und mehr schuf als nur die schon bekannten Klänge.
Die zweite Platte "In den Gärten Pharaos" entstand schon in der Barockkirche Baumburg, zehn Kilometer vom Chiemsee entfernt. Damals spielte Florian sakral angehauchte Musik auf dem Moog und der Kirchenorgel. Auf seiner dritten LP "Hosianna Mantra" verzichtete er zum erstenmal auf elektrische und schuf mit nur akustischen Instrumenten und Stimmen Klangbilder.
Auf dieser Basis wurde Popol Vuh eine der erfolgreichsten und meistbeachteten deutschen Gruppen. Jetzt  überrascht Florian Fricke seine Anhänger wieder mit einem neuen Stil. Seine Musik ist rhytmischer, durchsichtiger geworden, verliert sich nicht mehr so in Emotionen wie bisher. Zum erstenmal benutzte er bei den Aufnahmen auch ein Schlagzeug.
Die Basisaufnahmen mit Florian Fricke am Flügel, Klaus Wiese (Tamboura), Conny Veit (Gitarre) und Danny Fichelscher (Gitarre) entstanden in der Baumburg. Toningenieur war Dieter Dirks, der für die Aufnahmen einen Teil seines Studios von Stommeln bei Köln nach Bayern transportierte. Singstimmen und das Schlagzeug wurden dann, ebenso wie die Mischung, in Stommeln aufgenommen. Noch im September soll die Langspielplatte unter dem Titel "Seligpreisungen" auf dem Pilz-Label im Vertrieb der BASF erscheinen.
Wenige Tage nach den Aufnahmen ließ man von Hamburg aus eine Bombe über Produzent Rolf-Ulrich Kaiser platzen. Er hatte erst gemeinsam mit Gitte Lettmann die "Ohr & Pilz Musikproduktion" gekauft und ist verantwortlich für die Produkte von Gruppen wie Popol Vuh. Angeblich sollte es zum Krach zwischen Kaiser und seinen Gruppen gekommen sein. Abenteuerliche Anschüldigungen wurden laut. Angeblich hatt Kaiser seine Musiker zum Drogenkonsum gezwungen, zu harte Geschäftsmethoden angewandt und geschäftlich falsch operiert, so daß die "Ohr & Pilz-Musikproduktion" kurz vor ihrem Ende steht.
Kaiser schaltete sofort seinen Rechtsanwalt ein. Was von diesen Behauptungen zu halten ist, werden jetzt wohl die Gerichte klären. müssen. Die Musiker fühlen sich davon weniger betroffen. Florian Fricke und auch die Mönchengladbacher "Wallenstein" jedenfalls haben ihre Verträge noch nicht gekündigt und lassen ihre Platten weiter von Kaiser vertreiben. Dabei hätten gerade sie lukrative Angebote anderer Firmen. Bedauerlich ist an der Sache wohl nur, daß hier versucht wird, schmutzige Wäsche mit nicht ganz sauberem Wasser zu waschen, womit man den Musikern aber nur schadet.

From: Musikmarkt, 8, 1973