DREI DEUTSCHE GRUPPEN, DIE DEM DEUTSCHEN ROCK NEUE IMPULSE GEBEN KÖNNTEN

von Karl-Heinz Borchert

in:  Musik Express, june, 1973

Agitation Free

Bis 1970 spielte die Gruppe mit Lutz Ulbrich (Gitarre), Michael Günther (Bass), Lutz Kramer (Gitarre) und Christoph Franke an den Drums. In dieser Besetzung begannen sie als eine der ersten in Deutschland mit Filmen und einer Lightshow zu arbeiten und zwar schon Mitte 67, als Gruppen wie die Rattles oder die Lords noch die Hitparaden belegten. Doch Agitation Free wollte schon damals mehr als nur die Teeny’s zum tanzen bringen. Sie arbeiteten, wie damals auch Tangerine Dream und Amon Düül, an dem was heute unter dem Begriff ‚Deutsch Rock‘ angeboten und verkauft wird. Diese Bezeichnung umfasst aber alle deutschen Gruppen von Atlantis über Kraan bis hin zu Popol Vuh, und ist daher für keine deutsche Band repräsentativ. Agitation Free versuchte damals und produziert heute eine gelungene Mischung aus ‚eingängigen‘ Rockteilen und einer gehörigen Portion Elektronik. Der Weg dahin war lang und die Einflüsse unterwegs zahlreich. Am meisten profitierten sie an der Zusammenarbeit mit dem Komponisten Thomas Kessler, der ihnen den Zusammenhalt gab und sie die Klänge der Elektronikmaschinen lieben liess. In dieser Zeit organisierten sie auch Multi-Media-Shows und arbeiteten im Rahmen der Gruppe Neue Musik 1 und gaben Konzerte im Super-Szene-Laden ‚Zodiac‘, wo sich damals alles traf was zur Avantgarde gehörte. Den grössten Erfolg ernteten sie zusammen mit dem heutigen Guru Guru Gitarristen Ax Genrich im Berliner Sportpalast. Bevor sich aber bei ihnen ein kommerzieller Erfolg oder gar ein Plattenvertrag zeigte, trennten sie sich Ende 70. Drummer C. Franke wanderte ab und spielt heute bei Tangerine Dream, von Lutz Kramer hörte man nichts mehr. Doch Lutz Ulbrich und Michael Günther suchten neue Leute und fanden sie auch in Jörg Schwenke (Gitarre), Burghard Rausch (Drums) und Michael Hoenig am Synthesizer und an der Zither. Mit den neuen Leuten konnten sie ihre zum Teil experimentellen Ideen fortsetzen und weiterentwickeln. Besonders die beiden Michaels arbeiteten an Elektronik-Klängen, beeinflusst von Kupkovic, Döhl, J. Cage und Ligeti. Die Gruppe wuchs zusammen, gab Elektronik-Kurse für Lehrer und Schüler in Berlin und experimentierte teilweise (2 Mann) mit Leuten von Cluster. Im März kam mit der Einladung des Goethe-Instituts die Wende. Vom 4.-27. April 1972 tourten sie durch den Nahen-Osten im Auftrag des Instituts. Von der Reise zurück ging’s bald danach in ein Berliner Studio um die zahlreichen Eindrücke und Erfahrungen die man während der Reise gesammelt hatte, zu verarbeiten und sie auf Platte zu pressen. Mit dieser LP ‚Malesch‘ erreichte Agitation Free auch die lange ausgebliebene Anerkennung. Der Versuch, die Barrieren zwischen E- und U-Musik einzureissen, wurde gewagt und es sieht so aus als sei er gelungen. Einige Radio- und Fernsehbearbeitungen folgten und die Band wurde langsam populärer.

Brainstorm

Zuerst nannten sie sich Fashion Pink und nur Roland Schaeffer war von der heutigen Besetzung mit von der Partie. Die zwei anderen Pink Musiker werden heute schon garnicht mehr genannt. Ende 1968 lösten sie sich dann auch auf und Roland schaute sich nach neuen Musikern um. Joachim Koinzer (Drums und Klavier) und Eddy von Overheidt (Orgel, Klavier und Gitarre) schienen seinen musikalischen Vorstellungen zu entsprechen und man begann die Musik zu erneuern und gleichzeitig auch den Namen in Brainstorm zu ändern. Roland der neben verschiedenen Saxophonen und Flöten noch Schlagzeug und Gitarre spielt übernahm von Anfang an das musikalische Konzept und komponierte den Löwenanteil der Stücke. Aber auch die anderen beiden waren nicht untätig und so entstand eine sehr gelungene Synthese aus Jazz-Klängen und Rockharmonien. Doch vorerst zeigte sich keinerlei Erfolg. Die Gruppe war eine unter vielen, die in dieser Zeit (69/70) nur so aus dem Boden schossen. Mitte 70 wurde man sich einig einen vierten Man dazuzunehmen, der Rainer Bodensohn hiess und den Bass sowie Flöten bediente. Der Stil wurde abgerundeter und der Sound dichter. Das Glück liess aber immer noch auf sich warten, bis dann endlich Mitte 72 ein Plattenvertrag unterschrieben werden konnte. Mit diesem Debut-Album ‚Smile a while‘ (Longplaylook 2/73) schaffte es Brainstorm, einen festen Sockel unter die zukünftige Karriere zu bauen, der ihr viele gute Kritiken einbrachte. Nun stieg auch die Popularität und es schlossen sich Fernsehaufnahmen an. Aufnahmen für das WDR-Jugendmagazin ‚Rhinozeros‘, Produktion einer Südwestfunk-Sendereihe ‚Probleme‘ und eine Filmmelodie für die WDR Kindersendung ‚mit der Maus‘ waren darunter. Vor kurzer Zeit erst nahmen sie auch noch einen fünften Musiker hinzu, der sich dem Bass zu widmen hat, damit Rainer sich wieder vermehrt um seine Flöte kümmern kann. Enno Dernov dürfte damit die letzten Lücken der Musik schliessen. Im Moment ist Brainstorm mit ihrer zweiten LP beschäftigt, während die erste kurz zuvor in England auf den Markt kam. Zur Einführung der Platte in England ist in den nächsten Monaten eine Promotion-Tour durch englische Colleges geplant.

Popol Vuh

Popol Vuh unterscheidet sich etwas von den vorherigen zwei Gruppen. Sie haben nicht nur eine, sondern schon 3 LP’s auf dem Markt, ausserdem sind sie um einige Grade bekannter als Brainstorm und Agitation Free. Mit ihrer ersten Produktion ‚Affenstunde‘ erreichten sie es, dass der Moog-Synthesizer in aller Munde war. Sie machten dieses Monster-Instrument in Deutschland populär und man freundete sich mit einem Klang an, der einige Millionen verschiedene Töne einschliesst. Für Popol Vuh war es damals der wichtigste Klangkörper in ihrer Musik und Florian Fricke, der dieses Instrument sowie Orgel und Piano spielt, meinte dazu: „Für uns ist der Moog die Möglichkeit, Klänge zu erzeugen, die wir noch nie gehört, nur geahnt haben – wir haben sie in uns getragen“. Der Name Popol Vuh wurde einem gleichnamigen Buch entlehnt, dass über die Quiche-Indianer berichtet, und nichts heisst, aber alles bedeutet. Domizil der Gruppe war ein Pfarrhof in Peterskirchen bei Wasserburg und hier entstanden auch die Klänge der ‚Affenstunde‘. Unterstützt wurde Florian Fricke, Gründer und geistiger Vater von Popol Vuh, von Holger Trülzsch (Bongos, Percussion) und Frank Fiedler am Mischpult und ebenfalls am Moog. Florian studierte seit seinem 14. Lebensjahr an der Freiburger Musikhochschule, verliess sie aber mit 19 Jahren „um zu leben“ wie er meinte. Im Alter von 25, nach vielen Erfahrungen und Erkenntnissen, einem Free-Gastspiel und der Begegnung mit dem Elektroniker und Kammeroperchef Eberhard Schoener, wollte er diese Erfahrungen und sein Wissen weitervermitteln und besorgte sich aus diesem Grunde einen Synthesizer. Den Rest kann man sich sparen – Popol Vuh war geboren! Nach dieser Debut-Platte wechselten sie die Plattenfirma und nahmen ihre 2. LP auf: ‚In der Gärten Pharaos‘! Eine der Grundvoraussetzungen dieser Musik war, dass jeder beteiligte Musiker sich während des Spielens glücklich fühlte. Während auf der einen Seite nach wie vor der Moog dominierte, wird auf der Rückseite mit einer Kirchenorgel als Hauptbestandteil gearbeitet. In dieser Zeit hatten die drei auch einen Auftritt im heute schon fast legendären ‚Beat-Club‘ und ein Portrait in der Sendung ‚Popmusik in Deutschland‘. Die Bekanntheit wuchs und Anfang 73 überraschte Florian Fricke alle Anhänger und Kritiker mit der Nachricht, er werde jetzt keinen Moog mehr in seiner Musik verwenden! Mit vielen Vorschusslorbeeren erschien dann vor kurzer Zeit die dritte und bisher schönste Platte mit dem religiösen Titel ‚Hosianna Mantra‘. Wie versprochen hörte man nicht das geringste Moog-Geräusch in den einzelnen Stücken. Wie nach dem Titel zu vermuten war, enthielt die LP religiöse Texte und war unheimlich ruhig und weich und zart was die Musik angeht. Florian heute: „Musik ist für mich im Laufe der Zeit immer mehr zu einer Form des Gebetes geworden, und dazu ist der Moog nicht besonders geeignet.“ Schon bei den ‚Gärten Pharaos‘ bemerkte man die Wandlung des Gedankengutes und es war ein logischer Schritt bis zur heutigen Auffassung über Glaubens- und Religionsfragen, die in der jetzigen Musik verarbeitet werden. Bevor Popol Vuh sich an die Produktion von ‚Hosianna Mantra‘ machte, nahmen sie die Spielfilmmusik von Werner Herzogs ‚Aguirre, der Zorn Gottes‘ auf, der viel Lob einbrachte und der Gruppe zu weiterer Popularität verhalf. Heute, nachdem sich Florian von seinen beiden alten Musikern gelöst hat, begleiten Oboe, Klavier und Violine seine Wege. Mit dem Ex-Gila Gitarristen Conny Veit bildet er eine Einheit, die eine Musik zaubert der man die reine Geisteshaltung der Mitspieler sofort anmerkt. Conny ist nicht mehr aus dem Stil wegzudenken mit seiner Gitarre, die sich unfassbar einfühlsam und anmutig an dem Klavier Florians emporwindet und mit ihm zusammen einen Stil bildet, der wahrscheinlich einmalig in seiner Art ist. ‚Hosianna Mantra‘ ist eine der schönsten und ergreifensten Platten überhaupt.