WORT, GESANG, KLANG....

Florian Fricke
(Popol Vuh)


I. ... als Rückweg zu Gott

In der Drieprinzipienarchitektur der tibetischen Kosmogonie, - bei die der höchste Stufe die achte ist; da die Null als Repräsentanz des Vorweltlichen, Ungeborenen mitgezählt wird - wird der GEHÖRSINN als eine Manifestation der 8. Stufe, der Stufe des geistigen Prinzips (Chi ode Luft) verstanden. Zu dieser achten, “göttlichen” Stufe, Menschlichem gewönhlich unerreichbar, erhebt sich der Mensch mit Hilfe des Wortes, des Gesanges, oder der Hingabe an den inneren Klang, an Gottes Wort, OM. Das Wort is der Machtaspekt. Der Gesang, das ist der Liebesaspekt. Hingabe an den inneren Klang, das ist der direkte Weg zu Gott.

Das OHR ist ein weibliches Organ. "In den inneren Ohren wohnen die Göttinnen der Raumrichtungen, der Walterinnen des Elementes Raum, das in der Muskel des Ohres sich als Schall einfängt (Avurveda III, 8). Das Ohr ist der Mutterschoß dieses Schalls, der eindringt und alsbald den "Geist färbt", wie es in einem indischen Sprichwort heißt. So üben Wort, Gesang, Klang zeugenden Einfluß auf die Stimmung des Menschen aus, sie vermögen zu verwandlen. In der vollkommensten Weise, dem religiösen Ritual zugeordnet, führen Wort, Gesang, Klang den Menschen in die Nähe Gottes.

II ... als Heilkraft

Ein Mysterium, dem wir uns langsam, noch im Dunkel tappend, heute wieder nähern: die psychische Heilkraft von Wort, Gesang, Klang - früheren Jahrhunderten wohl bekannt. Ein Beispiel: “Der Geist aber des Herrn wich von Saul und ein böser Geist vom Herrn machte ihn unruhig; da sprachen die Knechte Sauls zu ihm: Siehe, ein böser Geist von Gott macht dich sehr unruhig: unser Herr sage seinen Knechten, die vor ihm stehen, daß sie einen Mann suchen, der auf der Harfe wohl spielen könne, auf daß, wenn der böse Geist Gottes über mich kommt, er mit seiner Hand spielt, daß. Es besser mit dir werde.“ (Buch Samuel, 16.14) Wie kannt, wurde der spätere König David zu diesem Zweck geholt. Wie erfolgreich seine Bemühungen waren, erzählt das Ende des 16. Kapitels des Buches Samuel (diesmal nicht wie oben die lutherische sondern die herrliche Übersetzung von Martin Buber): “Und so wars nun: wann das Gottesgeisten auf Schaul war, nahm David die Leier und spielte mit seiner Hand, da wurde es Schaul wieder geistgeräumig, ihm wurde wohl, das böse Geisten wich von ihm hinweg.”
Dies wäre nun die vornemhliche Wirkungswiese der Musik: als heilende Kraft. Es ist kein Utopie mehr, sich vorzustellen, daß die Zusammenhänge zwischen Tonhöhe, Intervall, Klangstruktur, Rhythmus und Kosmos, Mensch andererseits schon innerhalb der nächsten zehn, zwanzig Jahre im Westen strukturell erforscht sein könnte. Indien besitzt seit Jahrtausenden einen gewaltigen Fundus an Analogien zwischen Musik und Natur, Musik und menschlichem Körper, Musik und unserem Planetensystem; es besitzt in der formalen Gestaltung zum Beispiel einer Raga den dramaturgischen Schlüssel zu dem Mysterium des Eindringens der Musik in den Geist. Wenn es uns gelingen sollte, die neu zu findenden Erkenntnisse über Musik, Klang überdies auch innerlich zu erleben - das Morgenland hat in diesem Punkt eine unendlich lange und großartige Kultur, wir stehen noch davor - dann wären wir wieder in der Lage, Musik hellend anzuwenden.
Für Musiker eine kleine, interessante Aufstellung (nach der indischen modalen Musiklehre):

Grundton = Seele
Sekunde = Kopf
Terz = Arme
Quart = Brust
Quinte = Hals
Sext = Hüften
Sept = Füße

Versucht man beim Spielen sich gleichzeitig mit dem angeschlagenen Ton auch den entsprechenden Körperteil vorzustellen, so gerät man sehr bald - vorausgesetzt, die Musik ist rein und tonal - in eine enorme Schwingung und körperliche Identität mit dem Ton, was diesem eine große Überzeugungskraft verleiht.

III .... als Verführung

Die ‘betörende’ Wirkungsweise von Wort, Gedang, Klang, das Sinnenverwirrende des Schalls kennen wir, auch über das Beispiel des Rattenfängers von Hameln hinaus, nur allzu gut. Wir sind umgeben davon: Wort als Verführung, Gedang als Verführung - seit einiger Zeit, durch dsas Aufkommen der Elektronik - äußerer Klang als Verführung. Ist es nicht abscheulich, wie es ausgerechnet die Gier des Menschen verstanden hat, zu ihrer eigenen Befriedigung instinktiv zu den Geheimnissen des Schalls, zur Suggestivkraft von Wort, Gesang, Klang vorzudringen? Diese Gier, gigantisch repräsentiert durch das kapitalistische System, in ihrer widerlichsten Erscheinung der Konsumwerbung: hier wird Wort und Musik zum Zweck der Verführung mit dem Bild verschmolzen, oft in diabolisch zynischer Form. Nahrungsmittel, die, wie man heute weiß, zu einem früheren Tod führen, werden angeboten mit ‘beschwingender’ Musik. Bei der Werbung für Tabaksmittel oder Chemiedrogen sorgt Musik ebenfalls für frohlockende Stimmung. Musik wird da als Schleier vor der unterscheidenden Vernunft aufgezogen. Es ist dies tödliche Verführung, eine Mißachtung des Menschen. Da Geruch weiniger nachweisbar, weniger laut ist, heimlicher, ist die Industrie dazu übergegangen, die Beeinflussung des potentiellen konsumenten mittels Duft vorzubereiten. Die Osmologie (Wissenschaft der Düfte) ist auch weit besser in unsere Zeit hineingekommen, als das Wissen um die psychische Kraft des Wortes, Gesangs, Klanges.
Das ein Großteil der amerikanischen, englischen Popmusik ebenfalls in diesem finsteren Bereich, wo Musik als Verführung und im Zusasmmenhang met Verführung auftritt, zu suchen sein könnte, - dies behaupten wir nicht, dies bedenken wir. Denn allein die Lautstärke etwa einer Gruppe wie Deep Purple ist vernichtend; sie bestätigt die Agression da, wo sie gerade schon schwinden will, in einer neuen Generation. Bei uns.

IV .... und als Gewalt

Altamont. Rolling Stones
Jericho: wer an der Glaubwürdigkeit der im Buch Josua beschriebenen Einnahme Jerichos zweifelt, der mag auch von euem in das 6. Kapitel dieses Buches vertiefen und ein wahrhaft gigantisches, multimediales Gewaltritual vorfinden, bei dem nicht der Schall der sieben Halbjahreposaunen es war, der, wie man allgemein meint, die Mauern Jerichos erschütterte, sondern die Kraft des ersten Tones aus dem Mund des Volkes, dem Josua vor den Mauern Jerichos ein siebentägiges Schweigen befohlen hatte; man kann sich verstellen, mit welch psychischer Kraft, einer Entladung gleich, hier Schall benutzt wurde und wohl auch gewirkt haben muß.
Diese Sammlung von bunten Beispielen ist nicht zum Selbstzweck erfolgt, sie führt zu folgender Schlußbemerkung: Wenn wir erfahren haben, daß hinter dem Medium Wort, der Musik sich ein Bereich unvorstellbarer Kraft und - im negativen Fall - Gewalt verbirgt, dann zwingt uns dies, diese Medium mit einer neuen Ethik in Zusammenhang zu bringen. Wenn wir einmal eingesehen haben, daß man mit Wort, Gedang, Klang töten kann und getötet werden kann - wieso entscheiden wir uns dann nicht für äußerste Vorsicht bei dem, was wir von uns geben, wenn wir uns schon nicht eher dazu bewegen lassen, nur Wohltuendens zur gegenseitigen Förderung über die Lippen kommen zu lassen. Der ägyptische Geschäftsmann der Pharaonenzeit, vertraut mit der Magie des Wortes, begrüßt seinen Handelspartner vor jedem anderen Wort stets folgendermaßen: Er sagte: “Deine Unternehmungen gedeihen, sie gedeihen, sie gedeihen.”
Der andere erwiderte den gleichen Satz. Ja, das ist es, was wir meinen, deshalb die vielen Zeilen. Was für das Sprechen gilt, sollte uns für die Musik tausendmal gelten: Laßt uns Musik machen, die uns wohltuendbedenkt, die uns von dem AUSSEN nach INNEN führt.
Dort laßt uns gemeinsam sein. Friede und Freude.


Popol Vuh wurde 1970 von Florian Fricke zusammen mit Holger Trülzsch und Frank Fiedler gegründet und lebt in München, Florian Fricke arbeitet mit dem großen Moog Synthesizer. Nach ihrer LP ‘Affenstunde’ erschien die Langspielplate ‘In den Garten Pharaos’ (Pilz/Basf 20 21276-9), auf der man auch die Kirchenorgel der Stifftskirsche Baumbrug/Obb hört.


From: innersleeve ‘Kosmische Musik’ (1972)

An english translation is available on: www.eurock.com