Der Moog Synthesizer –

eine neue

Welt tut sich auf

Zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich 1968 in San Francisco von einem neuen Instrument, das sich Moog-Synthesizer nannte. Wochenlang kam dieses neue Instrument immer wieder in irgendwelchen Gesprächen auf, so daß meine Neugierde auf dieses neue Wunderinstrument von Tag zu Tag wuchs. Eine Freundin, Chryse Le Blanc, lebte mit einem Musiker zusammen, Doug McKenzie, der in San Francisco den ersten Moog-Synthesizer besaß, und lud mich eines Tages zu einem Studiobesuch ein. Wir fuhren in die West 4th Street. Über einen Frachtfahrstuhl gelangten wir in die fünfte Etage eines ziemlich verfallenen Gebäudes. Nachdem wir dir Tür zum Loft geöffnet hatten, tat sich ein Reich des Ungewohnten auf. Fast wie ein Altar aufgebaut, standen in dem Loft vier große rechteckige Kästen, alle mit irgendwelchen Kabeln verbunden. Und davor lag ein Keybord, das heißt eigentlich ein einfaches Brett, mit der Tastatur eines kleinen Pianos. Ich staunte verwundert und ließ mir von Doug McKenzie alle Funktionen dieses neuartigen Gerätes erklären:

Der Moog-Synthesizer is eine vollständig elektronische Musikmaschine, die in der Lage ist, jeden denkbaren Sound zu imitieren und jedes Musikinstrument zu ersetzen. Ich konnte mir das überhaupt nicht vorstellen, bis ich die ersten Sounds aus der Maschine kommen hörte. Selbst menschliche Stimmen ließen sich elektronisch erzeugen. Man mußte das Gerät und seine technischen Möglichkeiten nur kennen, um jeden denkbaren Sound programmieren zu können. Die grundsätzlichen Funktionen waren in kürzester Zeit zu erlernen, während die Details viel Zeit und Übung in Anspruch nahmen.

Der Mann, de diese “Wundermaschine” erfunden hat, heißt Ribert Moog und lebt in Trumansburg im Staate New Yrok (USA). Bereits in den zwanziger Jahren hatte Seine Firma ein Gerät erfunden, das sie den “Theremin” nannte und das besonders bei Filmen für Sound und gruseleffekte eingesetzt worden war. Dieses Gerät war aber kein großer Erfolg, und so tat sich Robert Moog mit einem Komponisten namens Herbert Deutsch zusammen und entwickelte zusammen miet ihm, nach vielen Jahren des Herumtüftelns, den heute so bekannten Moog-Synthesizer.

Die Idee hinter dem Synthesizer war wiklich sehr einfach und einleuchtend. Der Komponist elektronischer Musik benötigt ein bestimmtes Instrumentarium, um elektronische Klänge zu erzeugen. Meistens waren das viele verschiedene Instrumente, die untereinander verbunden waren. Da Komponisten jedoch miestens ganz untechnische Personen waren, lag es nahe, daß sich der techniker Moog mit dem Komponisten Deutsch zusammentat, um ein Instrument zu entwicklen, welches die Kompositionen mit einem Schlag erleichtern würde, ohne daß riesige Aufbauten erforderlich waren.

Als ich bei Liberty records mit meiner Tätigkeit began und meinen Kollegen vom Moog-Synthesizer erzählte, staunten meine Mitarbeiter ganz ungläubig und konnten sich die Maschine gar nicht so richtig vorstllen. Nachdem ich einige Wochen bei der Firma eingearbeitet war und verschiedene Musiker in der Münchner Szene kennengelernt hatte, machte mich Rüdiger Nüchtern und Ingeborg Schober mit Florian fricke bekannt, Gründer einer Gruppe namens Popol Vuh, die vorwiegend mit einem Moog-Synthesizer arbeitete. Neben Eberhard Schöner hatte Florian Fricke den ersten Moog-Synthesizer in Deutschland und experimentierte soviel damit herum, daß er eine komplette Produktion gemacht hatte, die ausreichend Material für die Herstellung einer LP geinhaltete.

Da ich sicher war, dass mit disem neuen Musikintrument noch viel zu machen war, schlug ich Siggi Loch, meinem Chef, vor, Florian unter Vertrag zu nehmen, aber Siggi Loch setzte seinerzeit mehr auf Katja Ebstein und Klaus Doldinger und wollte kein solches Experiment wagen. Kurze Zeit danach verließ Siggi Loch die Firma Liberty/UA und wurde Direktor von Warner-Brothers (WEA)-Schalplatten in Deutschland mit Sitz in Hamburg.

Sein Nachfolger, Herr Dr.Gerd Weber, der von Musik (als früherer Buchhaltungschef in der Firma) wenig Ahnung hatte, ließ sich von meinem Gespür für etwas Neues überzeugen und schloß einen Schallplattenvertrag mit Florian Fricke ab, mit dem Ziel, die erste LP, die in Deutshcland mit einem Moog-Synthesizer hergestellt war, zu veröffentlichen. “AFFENSTUNDE – POPOL VUH”.

Heute ist diese Platte eine Rarität und wird an der Schallplattenbörse mit DM 360,00 für die Original-LP gehandelt. Die auf der Platte enthaltene Mischung aus Percussion (Holger Trülsch) und Synthesizer-Modulationen war für Musikliebhaber sicherlich kein erstrebenswerster Musikstil, dem man große Zukunft einräumte, jedoch handelte es sich hier um etwas völlig Neues, und der Reiz des Ungewöhnlichen brachte dieser Produktion große Anerkennung der alternativen Medien ein.

Zwanzig Jahre hatte der Weg von der elektronich verstärkten Gitarre bis zum voll elektronisch modifizierten sound gebraucht. Heute kann man sich die Musik nicht mehr ohne Synthesizer vorstellen. Die Geräte sind kleiner, vielfältiger und auch billiger geworden. Während die ersten Moog-Synthesizer etwa 60.000,- DM kosteten, kostet heute ein EMEX-Emulator nur noch 6000,- DM, bietet aber weit mehr Möglichkeiten zur Modulation und Reproduktion als die Geräte von damals.

From: Augustin, G., Die Beat-Jahre, Goldmann, München, 1988, p.128-130