SCHLACHTEN MIT MUSIK

Münchner Popgruppe ‘Popol Vuh’ im theater in der Brienner Straße

‘Popol Vuh’, die Münchner Popgruppe auf sakraler Welle, tritt seit ihrer Gründung 1969 zum erstenmal in München öffentlich auf: Am kommenden Sonntag (26.Mai) um 20 Uhr im Theater in der Brienner Straße. Fünf Langspielplatten und die Musik zu Werner Herzogs Film ‘Aguirre, der Zorn Gottes’ stehen bisher auf dem ‘Popol Vuh’-Konto, doch wichtiger als kommerzieller Erfolg ist für diese Gruppe das Musikmachen als Lebensweise - das tägliche Vaterunser an Klavier und Gitarre. Die AZ sprach mit ‘Popol Vuh’.

“Wenn ich drei Tage nicht Klavier spielen kann, bin ich ganz klein”, sagt Florian Fricke (30), das geistige Haupt von ‘Popol Vuh’. Seine Kompositionen entstehen aus stundenlangen Improvisationen, sie verlaufen sehr ruhig und meditativ, peitchen keine Aggressionen auf.

Fricke: “Sie sind ähnlich wie Ragas aufgebaut, haben jedoch mit indischer Musik nichts zu tun.”

Träumerische Märchen und ein Jenseits mit gestillten Sehnsüchten. Auch die ‘Popol Vuh’- Titel unterstreichen die Illusion: “In den Gärten Pharaos”, “Hosianna Mantra”, “Seligpreisung” (frei nach dem Matthäus-Evangelium komponiert), “Einsjäger-Siebenjäger”.

Flucht aus der Realität?

Fricke: “ich rufe mir das Herz aus, um Kraft und Feuer für meine Töne zu bekommen. Es ist eine ehrliche Musik, die im uneitlen Herzen sitzt und keine Bauchgefühle übermittelt.”

Man weiß zwar nicht, für welche Zielgruppe diese Musik gemacht wird, ist aber “stolz darauf, daß wir spielen können”. Auch über die Art wie man diese Musik hören soll, gibt es verschiedene Meinungen: “Man muß dafür wach sein”, so meint Daniel Fichelscher (Gitarre). Florian Fricke legt sich dagegen bei “Popol Vuh”-Klängen rücklings auf den Teppich “um das Jubelunten und Jubeloben”(das heißt Weinen und Lachen) besser zu verkraften.

Ob Gottesdienst, Religion oder selbsterrungenes Paradies - darüber diskutiert Florian Fricke gern. Fest steht allerdings, “daß kein Urochse ohne Musikritual geschlachtet wurde”, und danach richtet sich auch das Musikbewußtsein der ‘Popol Vuh’-Mitglieder.
Dazu Djong Yun, Tochter des koreanischen Komponisten Isang Yun und ‘Popol Vuh’-Sängerin: “Es ist Florian-Musik”.

Thomas Veszelits

   From: AZ, freitag 24.mai 1974